Frauen in der Kinderbuchbranche: dreifach angeschmiert?!

Katharina Mauders Kinderbuch mit einem frustrierten, schmollenden Mädchen, die symbolisch für die Frauen in der Kinderbuchbranche steht

* (s.u.)

Heute ist der letzte Tag der Blogparade von Lena Busch und www.familienleicht.de zum Weltfrauentag. Und obwohl ich seit Auftritt unserer Zwillingszwerge eigentlich viel zu wenig Zeit habe (wie man leider an den vielen, vielen blogartikellosen Monaten sieht 😭), muss ich mir die Zeit gerade doch einfach mal nehmen. Denn das Thema Frauen und Gleichberechtigung sind absolute Herzensthemen von mir und sogar mitverantwortlich für meine eigene Existenz. – Aber dazu ein andermal mehr. 😉

Jetzt lieber zurück auf Anfang: Worum geht’s überhaupt?

(Ja, in dieser Dichte sollten sich die Gedenktage am besten immer um die Gleichwertigkeit von Frauen, Männern und überhaupt allen kümmern! 💪🤩)

Und wenn der Abschied vom Winter und das beginnende Frühjahr eh im Zeichen der Frau stehen, dann ist das doch ein verdammt guter Grund, mal die Stellung der holden Weiblichkeit in meiner beruflichen Heimat, der Kinderbuchbranche, unter die Lupe zu nehmen.

1) Zunächst: Wie steht es um die Frauen in der Buchbranche allgemein?

Ohne lange herumzureden: Nein, Männer und Frauen sind auch in der von Bildung durchwachsenen Buchbranche leider NICHT gleichberechtigt. Das gilt für die Verlage:

  • Verlage sind mit knapp zwei Drittel Frauenanteil generell weiblich dominiert. (Klar, Verlage gehören ja auch zu den am schlechtesten zahlenden Arbeitgebern für Akademiker. 😒)
  • In Führungspositionen sind dann aber doch auffallend viele Männer zu finden. Je nach Quelle und Verlagsart irgendwas zwischen 50 und 80%.
  • Männer werden also leider auch hier tendenziell besser bezahlt und schneller befördert.

Und das gleiche gilt leider für die schreibende und gestaltende Zunft:

  • Männliche Autoren verdienen mehr. (Laut den Jahreseinkommensmeldungen, die bei der KSK generell für den Bereich „Wort“ eingehen, haben Männer in 2021 in diesem Bereich rund 23% mehr verdient als Frauen.)
  • Männer erhalten öfter lukrativere Hardcover-Verträge.
  • Ihre Bücher werden oft als literarischer und hochwertiger angesehen.
  • Entsprechend erhalten sie mehr Rezensionen
  • … und werden auch in angeseheneren Medien besprochen.

Die meisten Fachleute sind sich also einig, dass auch in der Buchbranche zwischen den Geschlechtern eine Schieflage besteht. Debattiert wird allerdings darüber, wie intensiv diese Schieflage (noch) ist. Denn tatsächlich gibt es Entwicklungen, die Mut zur Hoffnung machen, zum Beispiel dass Verlage in Frauenhand, Megabestseller-Autorinnen und Gewinnerinnen großer Literaturpreise alle auf dem Vormarsch sind. (Vgl. „Das Frauen-Paradox“ und die dazugehörige Zusammenfassung ohne Bezahlschranke im Buchreport.)

Es darf also leichter Optimistmus aufkeimen, dass sich die Frauen endlich den ihnen gebührenden Teil der Buchbranche erobern. (Denn das schwache ebenfalls starke Geschlecht macht schließlich auch den Löwenanteil der Leser:innen und Buchkäufer:innen aus.)

2) Und wie sieht es mit den Frauen in der Kinderbuchbranche aus?

Was sicherlich niemanden verwundert: Frauen sind in der Kinderbuchbranche zahlenmäßig noch unschlagbarer als in der Gesamtbuchbranche. Meine Kinderbuchautoren-Kollegin Anja Janotta schätzt, dass in unseren Reihen 70 bis 80% Frauen zu finden sind. Ich habe mir eben die Mühe gemacht und in einer Gruppe professioneller Kinderbuchautor:innen nachgezählt. Und tatsächlich kam ich auf 76% Frauen. Wenn man allerdings noch hoffnungsvolle Nachwuchsautor:innen und Selfpublisher:innen miteinbezieht, steigt der Anteil vermutlich noch einmal deutlich.

Allerdings frage ich mich manchmal, ob unter den bekanntesten und erfolgreichsten deutschsprachigen Kinderbuchautor:innen der Männeranteil nicht doch größer ist:
Auf der einen Seite stehen natürlich Kirsten Boie, Alice Pantermüller, Cornelia Funke, Katja Brandis, Margit Auer, Anna Ruhe, Tanja Stewner, Ursula Poznanski, Kerstin Gier, Isabel Abedi, Ursel Scheffler, Stefanie Taschinski, Britta Sabbag, Heike Abidi, Sonja Kaiblinger, Charlotte Habersack und vielen weiteren. Aber auf der anderen Seite gibt es immerhin Paul Maar, Andreas Steinhöfel, Rüdiger Bertram, Marc-Uwe Kling, Ingo Siegner, Magnus Myst, Hartmut El Kurdi, Ulf Blanck, Jörg Hilbert, Finn Ole Heinrich, THiLO, Klaus-Peter Wolf, Mario Giordano, Daniel Napp, Jochen Till, Alexander Steffensmeier und ebenfalls sehr viele weitere. Ziemlich schwer, da eine realistische Einschätzung abzugeben. Fühlt sich jemand berufen?!

Bei den Verlagen ist es ein wenig simpler. Wenn ich mir die 5 größten deutschen Kinderbuchverlage anschaue, ergibt sich folgendes Bild über die Leitung:

  1. Carlsen — Geschäftsführung: Renate Herre und Joachim Kaufmann — Programmleitung: Frank Kuehne
  2. Ravensburger — Geschäftsführung: Dr. Anuschka Albertz, Susanne Knoche, Florent Leroux, Dr. Thomas Redemann — Programmleitung: keine Ahnung und leider nicht auffindbar 🤯
  3. Oetinger Verlagsgruppe — Geschäftsführung: Julia Bielenberg, Thilo Schmid und Christian Graef — Programmleitung: leider auch keine Ahnung 😕
  4. Arena — Geschäftsführung: Alexandra Schönleben — Programmleitung: Stefanie Letschert und Nikoletta Enzmann
  5. Loewe — Geschäftsführung: Volker Gondrom — Programmleitung: Jeannette Hammerschmidt

5 Frauen und 6 Männer in der Geschäftsführung
3 Frauen, 1 Mann und einige Dunkelziffern als Programmleiter:innen

Sicher nicht so schlecht, wie es mal war. Aber mal schauen, ob sich da in den Geschäftsführungen in den nächsten Jahren nicht doch noch ein bisschen mehr Weiblichkeit breitmacht. 😏

3) Was bedeutet das für uns Frauen in der Kinderbuchbranche?

Meinem Eindruck nach zeichnet sich in der Kinderbuchbranche ein ähnliches Bild ab wie in der gesamten Buchbranche: Frauen sind in fast jedem Bereich in der Überzahl. Aber wenn die Positionen wichtiger werden und/oder mit mehr Ansehen und vor allem mit mehr Geld verbunden sind, verschieben sich die prozentualen Anteile und die Männer legen zu.

Und die Crux daran ist ja vor allem: Alle Branchen, die von vornherein von Frauen dominiert werden, sind im Schnitt schlecht bezahlt. (Oder fällt dir dazu eine Ausnahme ein?) Und genauso ist es auch hier.

  1. Die Buchbranche ist sowieso schon schlecht bezahlt.
  2. Die Kinderbuchbranche ist noch schlechter bezahlt.
  3. Als Frau in der Kinderbuchbranche hast du gute Chancen nochmal schlechter bezahlt zu werden.

Das geht tatsächlich so weit, dass sehr viele professionelle Kinderbuchautorinnen nicht vom Schreiben leben können. Und damit meine ich nicht unbedingt Autorinnen wie mich, die auch noch anderen Tätigkeiten nachgehen. (In meinem Fall zum Beispiel Content Marketing Texte schreiben und Kinderbuch-Schreibberatungen anbieten.) Und ich meine auch nicht jene Autorinnen, die einen großen Anteil ihres Lebensunterhaltes durch Schullesungen und Workshops verdienen oder insgesamt nur in Teilzeit arbeiten.

Nein, ich meine wirklich jene Autorinnen, die sich mit ganzem Herzen und ihrer vollen Arbeitskapazität den Kinder- und Jugendbüchern widmen. Jene Autorinnen, die Kinderbücher schreiben und Lesungen anbieten und von diesen Einnahmen ihren Lebensunterhalt einfach nicht bestreiten könnten. Jene Autorinnen, die abhängig von besserverdienenden Partner:innen sind. – Übrigens schreibe ich zwar über Autorinnen, aber dieses Phänomen gibt es auch unter männlichen Kollegen! (Vgl. „Vom Kinderbuch leben – Geht das überhaupt?“) Und egal ob Frau oder Mann, ist das doch, um es mal ganz klar zu sagen, eine ziemlich beschissene Situation, oder? Der Mythos armer Künstler lebt nämlich – und müsste dringend mal gegendert werden! 😞

4) Und was machen wir jetzt daraus?

Es gibt in diesem Bereich so einige Stellschrauben, an denen meiner Meinung nach durchweg ein bisschen gedreht werden sollte, um die Situation in der Kinderbuchbranche zu verbessern:

  • Das Gros der Frauen tritt nicht selbstbewusst genug auf und verhandelt nicht gut genug. Da sollten wir uns gezielt ein paar Scheiben vom Durchschnittsmann abschneiden, endlich richtig für uns einstehen und außerdem unsere Töchter mit einem gesattelten Selbstbewusstsein erziehen. Wir und sie sind es nämlich wert!
  • Kinderbuchverlage veröffentlichen zu viele neue Bücher, sodass die Halbwertszeit der einzelnen Titel zu kurz ist. Das bedeutet nämlich, dass professionelle Autor:innen immer mehr Bücher in kürzerer Zeit schreiben müssen, die gefühlt zwei Tage später schon wieder vom Markt genommen werden. Dafür verdienen die Autor:innen im Schnitt allerdings deutlich weniger als noch vor 10 Jahren. Hier sollte also defintiv eine Besinnung auf Qualität statt Quantität stattfinden.
  • Die Buchpreise für Kinderbücher sind oft zu niedrig. Natürlich soll es auch wenig priveligierten Familien möglich sein, Bücher zu lesen. Aber zum einen gibt es Bibliotheken und zum anderen steigt die Wertschätzung fürs Buch vielleicht auch an, wenn es einem nicht zum Ramschpreis hinterhergeworfen wird. Die unfassbare Menge an Herzblut und Expertise, die in nahezu jedem Werk steckt, rechtfertigt meines Erachtens auf jeden Fall höhere Ladenpreise für Kinderbücher.
  • Wir brauchen gut durchdachte Förderungen für Autor:innen. Klar, gibt es die Buchpreisbindung, die Künstlersozialkasse, viele Preise und Stipendien und aktuell erfreulicherweise auch besonders viele Fördermodelle, um die durch die Coronajahre bedrohten Künstlerexistenzen zu unterstützen. Aber viel zu oft schießen solche Förderungen haarscharf am Ziel vorbei, weil sie vielleicht von praxisfernen Beamten in einem zu stillen Kämmerlein zusammengebaut werden. Und sie bleiben auch oft zu vielen Künstler:innen gänzlich verschlossen. Da gibt’s also durchaus Luft nach oben.
  • Wir brauchen mehr Transparenz. Wir müssen Informationen teilen, zusammenhalten, uns mit Wissen gegenseitig stärken. Deshalb schreibe ich diesen Artikel.

Diese Stellschrauben lassen sich sicherlich nicht im Handumdrehen lockern oder verstellen. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich einige positive Entwicklungen fortsetzen und ihre Wellen schlagen werden. – Für mehr Gleichberechtigung, Gemeinsamkeit und Gerechtigkeit für alle Menschen in der Kinderbuchbranche. Für mehr Leichtigkeit, Raum und Kreativität! Für jede Menge richtig gute Bücher, die sowohl in der Entstehung ausreichend reifen dürfen als auch die ihnen gebührende Zeit auf dem Markt bekommen. Und für unsere Kinder, die durch diese großartigen Bücher unterhalten, auf Ideen gebracht und gestärkt werden. 🙌

Und jetzt bin ich seeeehr gespannt auf deine Rückmeldung: Was konntest du aus dem Artikel mitnehmen? Teilst du meine Einschätzungen über die Kinderbuchbranche? Wie sehen deine Erfahrungen, Beobachtungen und Ideen aus? Schreib mir sehr gerne einen Kommentar hier unter den Text! Vielen Dank! 🤓

 

*Zum Titelbild des Beitrags: Das schöne Cover von Bjarke zu dem von mir herausgegebenen Vorlesebuch „Motzen, trotzen, glücklich sein. Geschichten von kleinen und großen Gefühlen“ (Kaufmann, 2014, inzwischen in der 6. Auflage) passt gar zu gut zum Thema! 😍

PS: Wenn dich das Thema interessiert, findest du hier einige Kurz-Posts zum Themenkreis Gender: „Feminismus mit Fantasie“, „Happy Birthday, Barbie Doll“, „Verstörende Realität: die heutige Kindheit“ Und weitere Blog-Artikel zum Themenkreis Kinderbuchbranche: „Vom Kinderbuch leben – Geht das überhaupt?“, „Kinderbuchautoren organisieren sich“ und „Die 12 größten Mythen über Kinderbuchautor*innen und ihre Bücher“.

PPS: Dieser Artikel ist vergleichsweise flott entstanden. Wenn ich wichtige Aspekte übersehen oder doch irgendeine unzuverlässige Quelle zurate gezogen haben sollte, und auch bei allem anderen Feedback freue ich mich ebenfalls über einen freundlichen Kommentar. 😊

 

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